Künstler.innen: Christian Boltanski

Christian Boltanski

Boltanski
Archives aus dem Jahre 1989 von Christian Boltanski im Wohnzimmer von Familie Herrmann, © Stefan Müller
Auf der Fassade des Einfamilienhauses ist in großen Lettern "Bollehaus" aufgemalt und im Innern zieren gerahmte Schwarzweiß-Fotografien die Wände des Wohn-Esszimmers. Möbel aus einer anderen Zeit vermischen sich mit modernem Mobiliar. Die Fotografien zeigen fast ausnahmslos einen Zigarre rauchenden, schon nicht mehr ganz jungen Mann, umgeben von Leder, Leisten und Schuhen – Opa Bolle in seiner Schusterwerkstatt in den Jahren 1934 - 1967.
Aus dieser Zeit stammt auch das davor aufgestellte Sofa, die Uhr an der Wand, und weitere Fotografien, die das Haus der Familie in verschiedenen Bauphasen zeigen.

Für diesen Privatraum wurde das Werk eines Künstlers ausgewählt, der wie kaum ein Anderer, individuelles und kollektives Erinnern gegenüberstellt, sich mit Vergangenheit und Vergänglichkeit auseinandersetzt, Archives aus dem Jahre 1989 von Christian Boltanski.

Archives ist Teil einer Werkphase – "Archive der Erinnerung" – für die Boltanski seit 1969 immer wieder die gleichen Elemente verwendet: Blechschachteln (Keksdosen), Fotos und Archivlampen.
Wandfüllend im Zimmer der Familie Herrmann aufgestapelt, bilden hunderte dieser Schachteln den Sockel für fünf Fotografien, die unscharfe Gesichter zeigen. Über jedem Foto ist eine Lampe angebracht, die das jeweilige Gesicht anstrahlt.

Anders als auf den Erinnerungsfotos der Familie, bleibt hier alles im Unklaren, sind die Personen auf den Fotografien nicht eindeutig zu identifizieren, wird nicht deutlich, ob die Anordnung der Lampen einer Verhörsituation entlehnt ist und klärt sich auch nicht auf, was der Inhalt der mit einer rostigen Patina überzogenen Schachteln ist; ob diese überhaupt etwas enthalten.
Hier geht es nicht um Authentizität verströmende Bilder, nicht um tatsächlich greifbar Gegenständliches. Mit der Anonymität der Dargestellten, wird vielmehr das menschlich Durchschnittliche und Allgemeine hervorgehoben, wird Archives zum Sinnbild der Vergänglichkeit schlechthin – eine Vergänglichkeit, die wir im Privaten mit Erinnerungsfotos, Filmen von einem Familienausflug und gesammelten Erinnerungsstücken in die Zeit verlängern wollen.


Christian Boltanski

geboren 1944 in Paris
lebt und arbeitet in Malakoff bei Paris
 

Einzelausstellungen (auswahl)

"Christian Boltanski: La vie possible", Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz, 2009
"Dernières Années”, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Paris, 1998
 

Gruppenausstellungen (Auswahl)

"Traces du Sacré", Centre Pompidou, Paris, 2008
"Befragung der Realität – Bildwelten heute", documenta 5, Kassel 1972


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