Projekt: Konzeption
FRAGEN AN DEN
KÜNSTLERISCHEN LEITER
DER BIENNALE
Herr Wagner K, warum haben Sie diese Biennale in Kleinstädten wie Bergkamen, Lünen oder Unna verortet?
Die genannten Städte und zusätzlich Bönen, Hamm und Fröndenberg gehören zur Hellweg-Region. Es handelt sich hier um eine Region im Wandel, die an den Ballungsraum Ruhrgebiet angrenzt. Es sind periphere Kleinstädte, die ähnlich wie Duisburg, Essen, Dortmund und Oberhausen einen Strukturwandel durchmachen. Der Unterschied ist hier nur, dass sie überschaubarer sind und die Identitätsprobleme, städtebaulichen Wunden wie auch verkörperten Utopien sowie die damit verbunden urbanen Strukturen – alte wie neue – deutlicher zu Tage treten.
Wo zeigt sich dieser Wandel?
Das zeigt sich beispielsweise in Bergkamen: Diese Stadt wurde durch den Zusammenschluss von sechs Gemeinden erst 1966 gegründet. Daher gab und gibt es keinen gewachsenen mittelalterlichen Stadtkern. Alles was wir heute als Stadtzentrum wahrnehmen, ist nach dieser Gründung entstanden. Zugleich ist das Stadtbild von Neubausiedlungen und typischen Einfamilienhäusern, wie man sie aus anderen Bergarbeiterstädten kennt, von überdimensionierten Einkaufszentren und Fußgängerzonen geprägt. Daneben entstand vor der Kulisse ausdampfender Kraftwerke und Industriebauten eine Marina, die beinahe südländisches Flair ausstrahlt. Hoffnung und Niedergang, Utopie und Entropie liegen hier nahe beieinander. Deutlicher als in den Großstädten zeigt sich hier der Experimentalcharakter eines jeden Umbruchs, reiht sich Zeugnis an Zeugnis mittelalterlicher Gründungen zu denen einer frühen Industrialisierung, dörfliche Strukturen zu denen eines lokalen Selbstbewusstseins – mit all seinen typischen Klassifizierungen und städtebaulichen Planungs- und Gestaltungszielen der letzten 40 Jahre. Als Folge davon werden Prozesse permanenter kultureller, sozialer und räumlicher Rekonstitution in Gang gesetzt, artikulieren sich die jeweiligen Stadt- und die diese umgebenden Landschaftsräume als Räume des Wandels und der Transgression. Weil aber diese Städte nicht auf eine bestimmte Identität festgelegt sind, ja gerade weil ihnen Hybridität und Gegensätzlichkeit, kulturelle und räumliche Pluralität innewohnen, bieten sich umso mehr Entwicklungsmöglichkeiten in einer damit zugleich offenen, fluiden, sich immer wieder neu konstituierenden Region.Dies findet man freilich überall in Deutschland und darüber hinaus auf der ganzen Welt. Aber weil hier sich definitiv ein Wandel vollzieht, besitzt diese Region einen Beispielcharakter, was wiederum eine hervorragende Grundlage für künstlerische Interventionen und Diskussionen schafft. Mich interessiert der Dialog von Kunst mit dem urbanen Leben.
Warum wurden Privaträume als Austragungsort gewählt und nicht ein Museum oder den Außenraum?
Seit dem Jahre 2002 gibt es bereits das Kunstprojekt HELLWEG – ein LICHTWEG, das sich dem Außenraum besagter und noch weiterer Städte in der Region mit Lichtkunst – mittlerweile zählt das Projekt 25 Werke – angenommen hat und in Unna das Zentrum für Internationale Lichtkunst mit herausragenden Werken internationaler KünstlerInnen im, sagen wir musealen Kontext, auch wenn es sich dort nicht um üblicherweise an den White Cube angelehnte Räume handelt. Öffentliche Orte, also museale Räumlichkeiten und Außenraum werden schon „bespielt“ oder anders: Mit dieser Biennale wird eine Region zum Austragungsort, die sich im Hinblick auf das Thema Licht in NRW in den vergangenen Jahren besonders hervorgehoben hat. Daher wurde die Konzeption für eine solche Biennale auch erst aus eben diesen Aktivitäten entwickelt. Darüber hinaus wird mit dem Betreten privater Wohnungen und Häuser eine Öffentlichkeit im Privaten geschaffen. Eine Verschiebung im Verständnis dieser Begriffe wird dadurch zum Thema.
Welchen Bezug hat dies zu der von Jan Hoet 1986 in Gent geleitete Ausstellung Chambres d’Amis?
Chambres d’Amis hat mich damals als Besucher – ich studierte zu dieser Zeit selber Kunst – nachhaltig beeindruckt. Sowohl was die Kunstwerke selbst betraf, die persönlichen Kontakte, die sich zu den Gastgebern ergaben wie auch die damit verbundene Möglichkeit, eine Stadt kennen zu lernen. Es war deutlich mehr als nur eine Kunstausstellung, wie auch diese erste Biennale für Internationale Lichtkunst mehr als eine Ausstellung zum Thema Licht sein soll. 24 Jahre nach Hoets großartigem Projekt ist der Kontext ein völlig anderer, geht es um andere Denk- und Erfahrungsräume. Und doch basiert eben vieles von dem, was wir heute tun, auf Vorarbeit. Daran zu erinnern, diese (Vor-)Arbeit nochmals und im Nachhinein wertzuschätzen und auf einen solchen Erfahrungshorizont, wie dem von Jan Hoet, zurückgreifen zu dürfen, führte zu der Überlegung, ihn als Ehrenpräsident dieser Biennale zu gewinnen. Und das ist er jetzt.
Die Biennale soll mehr als eine Ausstellung zum Thema Licht werden. Ausstellungen, die dieses Medium zum zentralen Thema machen, gab es ja bekanntlich einige in der Vergangenheit und auch das „Format Biennale“ erfreut sich mittlerweile allerorten großer Beliebtheit, wenn nicht sogar Beliebigkeit. Was wird anders sein und warum dieses Format?
Lassen sie mich zuerst etwas zum Stellenwert von Licht sagen, nicht zum Thema Licht und dessen Einfluss auf unsere Kulturgeschichte: Das physikalische Phänomen ruft einen hohen Erregungszustand hervorruft - durch Sinnesreizung von außen wie auch von Emotionen und Empfindungen von Innen. Somit wird ein hohes Maß unserer Aufmerksamkeit gebunden. Nun ist Aufmerksamkeit eine zentrale Instanz beim „Verwalten“ der Informationsverarbeitung, regelt sie doch die Selektion in einem Wettstreit nicht nur der Reize, die auf das Gehirn einwirken, sondern auch derjenigen Areale, die sie verarbeiten. Jeder Künstler und jede Künstlerin ist daran interessiert, ja man kann sagen davon abhängig, dass das, was er oder sie tut und anschließend öffentlich macht, Aufmerksamkeit hervorruft. Daher halte ich grundsätzlich Licht in der Kunst für geeignet, um einen kritischen Umgang mit den gesellschaftlichen Kontexten, den ökonomischen Rahmenbedingungen sowie mit den Präsentationssystemen – etwa den Veranstaltungsformaten oder der gestalterischen Inszenierung – führen zu können. Diesbezüglich wird sich diese Biennale entschieden von Ausstellungen unterscheiden, die sich als superlative Übersichtsshows ausgeben oder die sich durch das Einbeziehen von Illumination und Lichtdesign mehr einem Event verschrieben haben. Was das Veranstaltungsformat anbelangt, so orientiert sich diese Biennale nicht an statischen Konzepten, an konkret verorteten Biennalen, wie der von Venedig oder Shanghai, sondern es lässt sich am ehesten eine Nähe zur Manifesta - European Biennal of Contemporary Art ausmachen, jedenfalls was ihre Flexibilität und Mobilität anbelangt. Nocheinmal: In der Konzeption dieser Biennale ist festgeschrieben, dass sie dort ausgerichtet wird, wo eine inhaltlich begründete Notwendigkeit vorliegt. Es geht nicht darum, einen Standort zu etablieren.
Nur wenige der von Ihnen ausgesuchten KünstlerInnen lassen sich eindeutig der Lichtkunst zuordnen. Nach welchen Kriterien wurden die KünstlerInnen ausgesucht?

Wo zeigt sich dieser Wandel?

Warum wurden Privaträume als Austragungsort gewählt und nicht ein Museum oder den Außenraum?

Welchen Bezug hat dies zu der von Jan Hoet 1986 in Gent geleitete Ausstellung Chambres d’Amis?

Die Biennale soll mehr als eine Ausstellung zum Thema Licht werden. Ausstellungen, die dieses Medium zum zentralen Thema machen, gab es ja bekanntlich einige in der Vergangenheit und auch das „Format Biennale“ erfreut sich mittlerweile allerorten großer Beliebtheit, wenn nicht sogar Beliebigkeit. Was wird anders sein und warum dieses Format?

Nur wenige der von Ihnen ausgesuchten KünstlerInnen lassen sich eindeutig der Lichtkunst zuordnen. Nach welchen Kriterien wurden die KünstlerInnen ausgesucht?
Neben der konkreten Auseinandersetzung mit den aktuellen wie historischen, hybriden Strukturen und Besonderheiten der Stadt- und Landschaftsräume verlangt das Motto eine präzise Bezugnahme der KünstlerInnen und/oder ihrer Werke zu den jeweiligen Räumlichkeiten und den Personen, die diese (ihre) Räumlichkeiten bewohnen oder in ihnen tätig sind.
Daher finden sich unter den ausgewählten künstlerischen Positionen, neben eher typischen Vertretern der Gattung Lichtkunst wie James Turrell, Dan Flavin, Michel Verjux und Francois Morellet auch und gerade solche KünstlerInnen, die Licht als Werkstoff, respektive als Bestandteil oder Bedeutungsträger für komplexe künstlerische Fragestellungen in Bezug auf vergangene wie gegenwärtige, gesellschaftliche und individuelle Prozesse und Phänomene verwenden.
In ihren Arbeiten zeigt sich eine reflektive Auseinandersetzung mit kulturellen Differenzen, mit politischer, medialer und ökonomischer Vereinnahmung, mit privater wie gesellschaftlicher Erinnerungskultur. Eindeutige Zu- und Festschreibungen werden aufgeweicht, was zu Architektur-, Designgeschichtlichen und Alltagskulturellen Referenzen führt und ganz persönliche Arbeits- bzw. Lebensumstände nicht ausschließt.
Insofern steht nicht nur eine Verschiebung der Begriffe 'Öffentlichkeit' und 'Privatheit' im Mittelpunkt des künstlerischen und kuratorischen Interesses, sondern auch die des Begriffs Lichtkunst.
Darüber hinaus habe ich die Auswahl nicht allein getroffen. Zur Biennale gehört ein künstlerischer Beirat, der vor allem mit der aktuellen zeitgenössischen Kunst aufs Beste vertraut ist. Die im Beirat engagierten KollegInnen haben verschiedene Hintergründe, kennen Themen und Debatten über Kunst im öffentlichen Raum, Lichtkunst, Urbanität, kulturelle Territorien, dem Erbe der Moderne und visionäre Stadtentwürfe. So wurde gemeinsam entschieden, dass auch bereits existierende Werke gezeigt werden sollen, die im bewohnten und damit individuell geprägten Raum eine neue Kontextualisierung finden können.Daher finden sich unter den ausgewählten künstlerischen Positionen, neben eher typischen Vertretern der Gattung Lichtkunst wie James Turrell, Dan Flavin, Michel Verjux und Francois Morellet auch und gerade solche KünstlerInnen, die Licht als Werkstoff, respektive als Bestandteil oder Bedeutungsträger für komplexe künstlerische Fragestellungen in Bezug auf vergangene wie gegenwärtige, gesellschaftliche und individuelle Prozesse und Phänomene verwenden.
In ihren Arbeiten zeigt sich eine reflektive Auseinandersetzung mit kulturellen Differenzen, mit politischer, medialer und ökonomischer Vereinnahmung, mit privater wie gesellschaftlicher Erinnerungskultur. Eindeutige Zu- und Festschreibungen werden aufgeweicht, was zu Architektur-, Designgeschichtlichen und Alltagskulturellen Referenzen führt und ganz persönliche Arbeits- bzw. Lebensumstände nicht ausschließt.
Insofern steht nicht nur eine Verschiebung der Begriffe 'Öffentlichkeit' und 'Privatheit' im Mittelpunkt des künstlerischen und kuratorischen Interesses, sondern auch die des Begriffs Lichtkunst.



